R i k o

Eine kleine Weihnachtsgeschichte




Es ist November. Draußen regnet es und es ist sehr kalt.

Wir haben November 1998.

Und ich liege in meiner Sofaecke. Mein Frauchen sitzt neben mir.

Seit einigen Wochen läßt sie mich nicht mehr aus den Augen . Meist lege ich meinen Kopf auf ihr Bein.

So machen wir es uns nun seit längerem jeden Tag wieder gemütlich. Denn ich fühle mich nicht sehr gut. Ich habe keine Lust spazieren zu gehen oder mit meinen Plüschtieren zu spielen.

Selbst meine geliebten Tennisbälle sind mir zu anstrengend geworden. Frauchen macht sich große Sorgen weil ich auch nicht fressen will. Sie sagt, ich sei sehr, sehr krank und wir beide müssten jetzt ein bißchen Geduld haben.

Bald würde alles wieder besser werden. Aber im Moment liege ich am liebsten neben Frauchen und döse oder höre ihr zu.

Und so haben wir an diesem Nachmittag daran gedacht, wie wir, also Herrchen, Frauchen und ich, uns vor 12 Jahren gefunden haben.:


Schwarzer Rüde zugelaufen.
Besitzer oder Interessenten bitte melden unter.....


Ja, mit dieser Zeitungsanzeige wurden sie auf mich aufmerksam gemacht.

Es war ein Mittwoch, im Dezember 1986 und der erste Schnee fiel in diesem Jahr.

Ich saß in einem Zwinger, der einem riesigem Wolfspitz gehörte. Es war bitterkalt und ich hatte Hunger. Und es war mir langweilig, denn es wurde so früh dunkel und so konnte ich von diesem Käfig aus, auch nichts mehr beobachten.

Mein Kumpel, der Wolfsspitz, hatte sich scheinbar an dieses triste Zwingerdasein gewöhnt. Der saß ganz ruhig da und starrte durch die Gitterstäbe.

Aber ich war noch so jung, etwa ein halbes Jahr und hatte so viel Energie. Ich lief in diesem Zwinger ganz unruhig hin und her, sprang auf die Hütte und wieder runter....und wieder rauf und wieder runter.

Aber trotz der Gefangenheit, war ich froh, daß der Mensch, der dem Wolfsspitz gehörte, mich aufgenommen hatte. Ich war nämlich schon eine Weile allein unterwegs und manchmal hatte ich sogar Angst, daß ich erfriere, wenn es in der Nacht so kalt wurde.

Schließlich war ich damals noch ein Hundekind. Und etwas Eßbares zu finden, war auch nicht so leicht. An den Tagen, an denen ich so allein unterwegs war, gab es aber auch ab und zu schöne Momente.

Menschenkinder spielten manchmal mit mir und hin und wieder sprachen ältere Menschen mich an "Na, wo gehörst Du denn hin?", andere wieder streichelten mich sogar. Aber alle gingen dann irgendwann zu sich nach Hause und ließen mich stehen. Und es war so kalt und ich fror.

So war ich froh als Gast des Wolfsspitzes nun eine Hütte, bzw. einen kleinen Teil seiner Hütte in einem abgeschlossenen Käfig zu bewohnen.

An diesem Tag war mir eigentlich schon bewußt, daß sich da nichts aufregendes mehr ereignen würde und mein großer Wunsch aus dieser Gefangenschaft herauszukommen sich wohl nicht mehr erfüllen würde, als plötzlich vor dem Haus meines Gastgebermenschen ein Auto hielt.

Es war leuchtendgrün und fiel mir gleich auf. Endlich gab es wieder etwas zu beobachten. Ich sprang schnell wieder oben auf die Hütte um das Geschehn besser beobachten zu können.

Zwei Fremde stiegen aus und betraten das Grundstück. Ich hielt es für meine Pflicht so laut zu bellen, wie ich nur konnte. Dann kam der Mensch des Wolfsspitzes aus dem Haus und begrüßte die Fremden.

Ich beschloß, auf mich aufmerksam zu machen und fing an zu fiebsen und wedelte ganz kräftig mit meinem Schwanz. Mein Plan ging auf. Alle drei Menschen kamen zu unserem Käfig.

Ich lief ganz aufgeregt zwischen all den Metallstäben hin und her, ich drehte mich im Kreis und war so froh, daß sich die Gittertür endlich öffnete. Ich raste sofort aus diesem Gefängnis und drehte eine große Runde durch den Garten.

Den ganzen Tag hatte ich schon überlegt, wie schön es wäre, in dem Garten spielen zu können. Mich im Schnee zu wälzen, mich in die wärmende Wintersonne zu legen.

Während ich meine Runden drehte, spürte ich, daß die beiden Fremden mich lockten und ich hörte, wie sie nach mir riefen. Ich blieb aber zunächst in gesunder Entfernung stehen.

Ich beobachtete sie erst einmal. Der Mann hielt mir seine Hand entgegen. Konnte ich ihm trauen? Vorsichtig schlich ich mich heran. Ich schnupperte an seinen Fingern. Auch die Frau hockte sich zu mir herunter. Die hatte sogar etwas Leckeres für mich in ihrer Hand.

Beide hatten so ruhige Stimmen. Das gefiel mir. Denn ich hatte große Angst vor dem lauten Menschengeschrei, das ich bisher kennengelernt hatte. Nun ja, diese zwei waren anders, die mochte ich. Aber was nutzte mir das? Sie würden kurz mit mir spielen und mich dann wieder zurücklassen.

Nein, dieses Mal war alles anders. Die beiden ließen mich nicht stehen, die gingen nicht einfach weg. Die beiden nahmen mich mit. Sie nahmen mich mit in ihr Zuhause.

Noch an diesem Abend bekam ich ein eigenes Körbchen mit einer warmen, kuscheligen Decke. Und das schönste an der Sache war, dieser Korb stand gleich neben dem Sofa meiner neuen Menschen.

Ich mußte in keinen Zwinger raus und in keinen Keller, ich wurde nicht irgendwo angebunden, wo ich allein war. Ich blieb mit meinen Menschen zusammen. Und ich hatte ein Zuhause.

Und es war Weihnachten.

Die beiden Menschen nannte ich Herrchen und Frauchen.

Sorry, your browser doesn't support Java(tm). Ja, so war das vor 12 Jahren. Heute sind wir eine richtige tolle Familie. Wir sind immer zusammen geblieben und aus mir ist ein ganz toller Hund geworden, sagt mein Frauchen.

Zusammen sind wir sogar bis Berlin gezogen. Obwohl ich ja ein waschechter Nordrheinwestfale bin. Frauchen sagt, eines Tages ziehen wir dort wieder hin, damit ich meinen Lebensabend auf dem Lande verbringen kann.

Aber ich weiß nicht, ob das noch was wird. Mein Herz macht zur Zeit doch große Probleme. Mein Frauchen weiß das. Sie weint manchmal und nimmt mich dann in den Arm.

Jetzt wird es schon dunkel draußen. Ich liege noch immer neben Frauchen auf dem Sofa. Und wenn sie mir so über den Kopf streichelt, dann wünsche ich mir noch ganz lange bei ihr sein zu können, damit sie mir noch viele alte Geschichten aus unserem gemeinsamen Leben erzählen kann.


Bald fiel der erste Schnee in diesem Jahr. Und Riko starb an einem Mittwoch vor Weihnachten.


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