H a r v e y




Als ich Mitte August 2001 ins Tierheim Pirmasens ging, war es eigentlich gar nicht an der Zeit, sich nach einem Hund umzusehen. Unser Umzug stand erst Anfang November an und so lange wohnte ich noch zu Hause bei meinen Eltern, gemeinsam mit Gina, unserer Schäferhündin, die aber bei meinen Eltern und meiner Schwester bleiben wollte, wenn ich mit Stephan zusammen zog. Mir war klar, daß ich ohne Hund nicht sein will, aber dennoch - es war August und nicht November und überhaupt nicht die passende Zeit, um einen neuen Vierbeiner kennenzulernen.

Trotzdem traf ich ihn - Harvey, der damals noch Eick hieß und von einem jungen Mädchen im Tierheim abgegeben wurde. Die Mutter hatte sie geschickt - der Hund würde zu sehr haaren.

Ich war sozusagen "live dabei" und fragte das Mädchen noch einige Dinge, z. B. wie alt der Hund ist etc. Dann ging ich mit Harvey ein paar Meter, um ihm den Abschied nicht noch schwerer zu machen. Das Mädchen hatte auch berichtet, daß Harvey, der übrigens ein weißer Schäferhund ist, erst ein paar Monate lang bei ihnen war.

Ich schaute mir also unterwegs diesen Hund an, der etwa 10 kg Untergewicht und mehrere kahle Stellen im Fell sowie Liegeschwielen hatte. Er trottete verstört neben mir her und schaute sich bei jedem Schritt um, so als hätte er Angst, daß ich ihn von hinten attackiere. Überhaupt duckte er sich bei jeder Handbewegung, es war ganz offensichtlich, daß dieser Hund Schläge bekommen hatte.

Ich erzählte meinem Freund von diesem Hund und er wollte ihn gerne einmal sehen. Wir gingen Gassi mit Harvey, doch seine Angst wurde nicht weniger und wir trauten ihm einfach nicht. Er schaute uns ständig so merkwürdig an, voller Angst und sehr mißtrauisch. Aus dem Kopf ging er uns trotzdem nicht.

Zwei Tage später besuchten wir ihn wieder. Anfangs zeigte sich seine Ängstlichkeit wieder sehr stark, doch als wir uns unterwegs zum Ausruhen auf eine Bank setzten, legte er sich plötzlich vor unsere Füße und wollte ganz offensichtlich am Bauch gekrault werden. Soviel Vertrauen hätten wir niemals erwartet..... wir schmusten also mit Harvey eine ganze Weile und von diesem Moment an schien er sich uns tatsächlich geöffnet zu haben.

Mit jedem folgenden Spaziergang ging es ein Stück aufwärts, er freute sich schon wie verrückt, wenn wir zum Zwinger kamen. Nur zunehmen wollte Harvey nicht.

Irgendwann bemerkte ich eine Tätowierung in Harveys Ohr. Ich wusste, daß es so etwas wie ein Forum für Besitzer von Weissen Schäferhunden im Internet gibt. Und durch meine Neugier geleitet fragte ich dort einfach mal an, ob jemand einen Hund mit Harveys Tätonummer kennen würde. Und: Bingo!!!! Ich fand auf diesem Wege Harveys Züchterin, die schon länger nach dem Hund suchte. Durch sie erfuhr ich, daß Harvey nach ihr bereits 3 Besitzer durchlaufen hatte. Er ist sogar Zuchtrüde gewesen. Wie oft und wie lange er allerdings so gehalten wurde, wie er im Tierheim ankam, weiß ich nicht.

Ich weiß nur, daß er in seinen 6 Jahren, die er nun auf der Welt ist, sicher nicht sehr viel Schönes erlebt hat.

Sorry, your browser doesn't support Java(tm). Schon bald war mir klar: Dieser Hund gehört zu uns. Und das merkten nicht nur Stephan und ich, sondern auch die Leute vom Tierheim. Ich erzählte von unserer Situation und es war kein Problem, daß Harvey so lange dort wohnen durfte.

So vereinbarten wir, ihn immer übers Wochenende abzuholen, so daß er sich schon etwas mehr an uns gewöhnen konnte - und wir an ihn. Ebenso konnten wir so auch sehen, wie er sich in der Wohnung verhält, sich mit anderen Hunden verträgt und auf Besucher reagiert. Und: Wir konnten ausschließlich positive Dinge feststellen.

So blieb Harvey von Anfang an problemlos alleine. Er mag es zwar nicht besonders, wartet aber geduldig auf der Couch und schaut zum Fenster raus, damit er ja nicht den Moment verpaßt, in dem unser Auto vor der Türe hält.

Am 9. November 2001 - wir waren gerade fix und fertig von unserem Umzug - holten wir Harvey alias Eick endlich zu uns nach Hause. Er blühte von Tag zu Tag mehr auf und hat seither (Stand 23.01.2002) fast 10 kg zugenommen und jetzt Normalgewicht.

Sein Fell ist nach einem ausgiebigen Bad (das er gaaaar nicht mochte) wieder schön weiß - außer nach unseren Spaziergängen, da ist es eher bräunlich und im Schnee - da wirkt er richtig gelb. ;-)

Harvey und unsere Gina, die ja bei meinen Eltern lebt, lieben sich heiß und innig und auch mit Pablo, dem kleinen italienischen Rüden meiner Schwester, kommt Harvey prima klar. Es gab noch nie Streit. Er liebt es, uns in den Reitstall zu begleiten, er mag Kinder, Katzen, Hunde, Pferde....nicht mal jagen tut er, sondern rennt jedem Wild nur 10 m hinterher und kommt dann zu uns zurück - er will uns wohl auch nicht mehr aus den Augen verlieren - genauso wenig wie wir ihn.

Früher war ich sehr skeptisch gegenüber älteren Hunden aus dem Tierheim. Man kennt oft die Vergangenheit nicht und hat Angst vor bösen Überraschungen. Um eben diesen aus dem Wege zu gehen, haben wir Harvey vorher über längere Zeit lang kennengelernt. Nach dieser Phase wußten wir schon viel besser, worauf wir uns einlassen. Mittlerweile steht für uns fest, daß auch der nächste, übernächste - ja, alle weiteren Hunde ein älterer sein wird, gerne auch noch älter als Harvey.

Wir werden von nun an - wie es sich die Menschen immer untereinander predigen - nur noch nach dem Charakter des Hundes entscheiden, nicht nach seinem Geburtsdatum oder seinem Aussehen. Mit Harvey haben wir einen wunderschönen Hund erwischt, aber auch wenn er häßlich wäre, hätten wir ihn zu uns genommen.

Und so bedanken sich Danni, Stephan und natürlich auch Harvey ganz herzlich beim Tierheim Pirmasens für die Mithilfe und vorallem für die Chance, die wir alle bekommen haben. Und versprochen - wir machen das Beste draus!

www.tierheim-pirmasens.com



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