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Anna - von der Straße ins Bett - oder: Stille Nacht, scheinheilige Nacht




Es war der 23. Dezember 1994

Wie üblich herrschte bei uns Zuhause vor Heiligabend sehr viel Streß. Nachmittags wurden die letzten Lebensmittel und auch das letzte Geschenk gekauft. Mein Schwiegervater wünschte sich zur Belustigung der ganzen Familie einen Vorschlaghammer. Und mit dem Kauf dieses Hammers sollte sich unser ganzes Leben und das meiner Schwiegereltern ändern: Mein Mann Achim, unser "reinrassiger" Mischlingsrüde Mickel (er mußte dringend rausgehen) und ich fuhren also hektisch in die Stadt, um den besagten Hammer als lustiges Zusatzgeschenk doch noch zu kaufen.

Danach wollten wir mit Mickel eine kleine Runde spazieren gehen und noch einen Weihnachtsstern zum Grabmeiner Großeltern nach Köln bringen. Nachdem wir den Hammer glücklich in den Händen hielten, machten wir uns auf nach Köln. Achim, der Staus und Wartezeiten gar nicht mochte, bog damals dann von der Brühler Landstraße kurz entschlossen nach links ab, um mal wieder einem leichten Stau aus dem Weg zu gehen. Dies spielte sich in der Höhe des "Kölnbergs"in Meschenich, einer furchtbaren Wohngegend ab. Nach der zweiten Kurve wußten wir nicht mehr genau, wo wir uns befanden - wir fuhren aber einfach weiter.

Nach der nächsten Kurve näherten wir uns einer sehr stark befahrenen Kreuzung. Weit und breit kein Haus und kein Mensch zu sehen. Ganz in der Ferne konnte man das Industriegebiet erkennen. Und dann sehen wir SIE zum ersten Mal: Sie kroch unter einer Leitplanke an der Kreuzung ganz unsicher umher. Auf den ersten Blick fand ich sie gar nicht schön. Danach schossen mir die wildesten Gedanken durch den Kopf: Oh ja, ich wollte schon immer einen ausgesetzten Hund finden. Aber doch nicht einen Tag vor Heiligabend, wo wir doch schon seit sieben Jahren unseren Hund Mickel haben ...

Wir hielten am Straßenrand an und sehen uns hoffnungsvoll nach den Eigentümern des unsicher und jämmerlich aussehenden Hundes um. Niemand war weit und breit zu sehen. Kurz entschlossen stieg ich in die Kälte, um mir das Häufchen Elend aus der Nähe anzusehen. Es war ein schwarzes Pitbull-Weibchen (passend zur Gegend!) und ich schlich mich leise an sie heran, damit sie nicht vor Schreck auf die stark befahrene Straße lief.

Ich rief und pfiff - und endlich entdeckte sie mich. Ängstlich und unterwürfig kroch sie wie ein Bundeswehrsoldat auf mich zu, so daß mir sofort die Tränen beim Anblick dieses geschundenen Tieres herunterliefen. Als ich sie mit meiner Hand anfing zu streicheln, breitet sich eine riesige Angstpfütze unter ihr aus. Achim eilte nun auch herbei und nahm die Hündin sofort auf den Arm und trug sie ins warme Auto.

Danach ging alles sehr schnell: Mickel, der im Auto wartete und sich alles mit angeschaut hatte, begrüßte die Hündin sofort. Nachdem diese aber vor lauter Aufregung direkt einen großen Berg ins Auto gebrochen hatte, hielt unser Mickel sich naserümpfend etwas abseits von ihr.

Wir fuhren erst einmal los, um mit beiden eine kleine Runde spazieren zu gehen. An einem See - ganz in der Nähe unseres Hauses - hielten wir an und ließen die Hunde zum See laufen. Die Hündin kannte gar nichts. Sie hatte Angst vor dem See, vor den Vögeln, vor jedem Mülleimer der am Seeufer stand und verstand nicht, wie selbstverständlich Mickel alles kannte. Aufgrund ihres jämmerlichen Zustands nannten wir sie ANNA. Ab diesem Zeitpunkt wich sie uns keinen Zentimeter von der Seite.

Nachdem beide ihre Geschäfte erledigt hatten und Achim und ich ziemlich ratlos nebenher liefen, packten wir die beiden wieder ins Auto und fuhren zur hiesigen Polizeidienststelle. Dort fragte Achim alle anderen Polizeiwachen und jeweiligen Feuerwehren in der Nähe nach einer vermißten schwarzen Pitbull-Hündin ab - ohne Erfolg. Wir hinterließen überall unsere Adresse. Mittlerweile war es schon später Nachmittag, die Geschenke für Heiligabend waren auch noch nicht alle eingepackt und wir wußten nicht, was wir machen sollten.

Also entschieden wir uns für den einfachen Weg und fuhren zu unserem zuständigen Tierheim nach Niederaußem. Achim und Anna gingen ins Tierheim und Anna drückte sich so an Achim, als wenn wir schon seit langem alle zusammengehören würden. Im Tierheim selbst - welches an diesem Tag sehr voll war - lag auch keine Vermißtmeldung vor. Da Achim es nicht über das Herz brachte, Anna dort zu lassen, hinterließen wir auch dort unsere Personalien und entschieden uns, den Hund selbst weiter zu vermitteln, falls der Eigentümer nicht doch noch auftauchen sollte. Er tauchte nie auf ...

Die Tage vergingen, Weihnachten hatten wir mit viel Streß und wenig Verständnis unserer Familie und mit einem neuen Familienmitglied hinter uns gebracht. Anna mußte noch viel lernen. Sie wurde damals vom Tierarzt auf ca. 1 - 2 Jahre geschätzt. Sie kannte es nicht, außerhalb der Wohnung ihre Geschäfte zu verrichten - und dies hielt auch noch viele Monate mit viel Geduld (besonders von meiner Schwiegermutter) und Schrubberei des jeweiligen Teppichs an.

Schimpfen durfte man überhaupt nicht mir ihr, da sie aus allerschlechtesten Verhältnissen kam und mit vielen Schlägen wohl bis dahin aufgewachsen war. Schon beim ersten lauteren Wort machte sie sofort wieder eine Pfütze unter sich. Die Wochen vergingen, eine Verlustanzege tauchte weder in einem Tierheim noch auf irgendeiner Polizeiwache auf. Anna wurde also am 23.12.1994 in einer eisigen Kälte ausgesetzt. (Wir sind uns 100% sicher, daß unsere Anna damals nicht "ausgebüchst" war - sie weicht einem nie von der Seite!). Mittlerweile konnten wir uns alle kein Leben mehr ohne unseren kleinen Pitbull vorstellen. Vom ersten Tagan schlief sie mit bei uns im Bett. In der ersten Nacht am 23. 12. bei uns Zuhause, verkroch sie sich im Bett unter meinen Arm und wimmerte, sobald kein Körperkontakt mehr bestand.

Anfangs hielten wir Anna noch für einen Boxermischling (sie sabberte vor Angst ständig) und dann für einen Doggenmischling (sie hatte anfangs eine sehr krause Stirn - dies legte sich, als sie merkte, daß ihr bei uns nicht Böses geschehen würde).

Nun sind fast zwei Jahre vergangen und unser Leben hat sich voll auf unser neues Familienmitglied eingestellt. Aufgrund unserer beruflichen Situation und der Tatsache, daß Anna schlecht alleine bleiben kann, wohnt sie von Montag bis Freitag bei meinen Schwiegereltern. Anfangs machten wir uns viele Gedanken, ob diese "Teilung" überhaupt mit dem Tier vereinbar sei ... kein Problem können wir aufgrund unserer Erfahrungen und des tollen Einsatzes meiner Schwiegereltern sagen! Selbst die Nachbarschaft hat sich mit Kauknochen und anderen Leckereien eingedeckt, denn Anna ist der Liebling der Straße. Meine Schwiegereltern sind Rentner und haben den Hund ganz tief in ihr Herz geschlossen. Von Freitag bis Sonntag kommt Anna zu uns, schläft bei uns im Bett, spielt viel mit unserem Mickel, teilt alle Leckerchen mit ihm und macht uns das Wochenende durch ihre freudige Art noch schöner.

Achim und ich finden es immer wieder erstaunlich, daß ein Tier, welch so ein jämmerliches Vorleben hatte, wieder so viel Vertrauen zum Menschen schöpfen und so viel Liebe geben kann.

Mickel ist im Januar 2002 im Alter von 14 Jahren gestorben, die Familie trauert noch sehr um ihn.

Anna würden weder meine Schwiegereltern noch der Rest der Familie je wieder hergeben. Leider sind wir manchmal aufgrund der Medien vielen Vorurteilen, was die Pitbull oder ähnliche Rassen betrifft, ausgesetzt - aber das stört uns nicht im geringsten. Mittlerweile ist sie für uns neben Mickel der schönste Hund mit dem breitesten Kopf, den es gibt. Sie ist unser Ein und Alles.

Sollten wir uns das nächste Mal wieder einen Tag vor Weihnachten verfahren und in solch eine Situation "hineinschlittern", so würden wir ganz genauso wieder handeln - eine Lösung findet sich immer.

Allen Menschen, die gut mit unseren Partnern - den Tieren - umgehen und allen Tieren dieser Weit ein gesegnetes Weihnachtsfest. Vielleicht wird irgendwann einmal wieder aus der scheinheiligen Nacht eine heilige Nacht, wenn die Menschen die Arroganz ablegen, über die Tiere zu bestimmen.

Es grüßen Anna, Mickel, Achim und Claudia aus Brühl.

Vervielfältigung oder Weitergabe nur mit Genehmigung des Autors
Claudia aus Brühl



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